Ist unser „Jedermann“ etwas für Dich? Hier findest Du die Antwort

Wohl kaum einen Theaterklassiker kann man auf so viele unterschiedliche Weisen spielen wie „Jedermann“ von Hugo von Hoffmannsthal. Du bist noch unsicher, ob die Version in Barsinghausen etwas für Dich ist? Dann haben wir hier Entscheidungshilfe für Dich.

Im Text weiter unten beschreiben wir, was Dich an der Deister-Freilicht-Bühne erwartet. Wenn Du lieber (oder zusätzlich) etwas von der Produktion sehen willst, empfehlen wir Dir den knapp vierminütigen Beitrag in der ARD-Mediathek. Der NDR hat eine der letzten Proben vor der Premiere besucht und gibt in dem Film Einblicke in die Show und das Geschehen hinter den Kulissen.

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„Manche Dinge kann man nicht lesen, man muss sie erleben.“

Das ist vielleicht kein glücklicher Einstieg für einen Newsletter, weil man den nunmal nur lesen kann. Aber der Satz unserer Vorsitzenden Julia Nuñez-Bartolomé nach der „Jedermann“-Premiere hat im Publikum so heftiges Kopfnicken ausgelöst, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Was meint sie damit?

Mammon lässt sich mit seinem Thron von der Bühne schieben

Dazu muss man wissen, dass „Jedermann“ in Norddeutschland vielen Menschen kaum ein Begriff ist. Anders als in Salzburg, wo das Stück schon seit mehr als 100 Jahren immer wieder neu inszeniert wird und (trotz horrender Preise) praktisch immer ausverkauft ist. In Norddeutschland haben die meisten Menschen den „Jedermann“ noch nie live gesehen, bestenfalls (oder schlechtestenfalls?) in Schule besprochen.

Dann hört man vielleicht, dass die Deister-Freilicht-Bühne das Stück spielt und liest die Inhaltsangabe: Der reiche Jedermann lebt in Luxus und Leichtsinn, als plötzlich der Tod vor ihm steht. Der gibt ihm eine Stunde Zeit, um Rechenschaft abzulegen. Verzweifelt sucht Jedermann nach Verbündeten. Gibt es noch Rettung?

Klingt ganz interessant. Aber interessant genug, um sich eine Karte zu kaufen? Vermutlich eher nicht, wenn man zum „Jedermann“ bisher keinen Bezug hat. Und tatsächlich waren die ersten Aufführungen in Barsinghausen nur mittelgut besucht. Es genügt wahrscheinlich nicht, nur davon zu lesen.

Aber wie ist es mit dem Erleben? Fragen wir die Leute, die dabei waren. Selten haben wir nach einer Premiere so viel überraschte und begeisterte Rückmeldungen bekommen, auf Social Media ebenso wie in persönlichen Gesprächen nach der Vorstellung. Eine kleine Auswahl:

  • „Was für eine tolle Botschaft!“
  • „Die Truppe schafft es, dass man 100 Minuten ohne Pause gefesselt ist.“
  • „Ich war sehr skeptisch, aber es hat mich mitgerissen.“
  • „Großartig inszeniert und auf die Bühne gebracht.“
  • „Ihr habt Euch selbst übertroffen.“
  • „Ich bin immer noch geflasht.“

Das dürfte ganz wesentlich an der Inszenierung von Renate Rochell liegen. Die hat Hugo von Hoffmannsthals Text behutsam überarbeitet und damit zugänglicher gemacht, ohne die geschliffene und wohlklingende Theatersprache zu beschädigen. Und sie hat für die (teilweise realen, teilweise abstrakten) Figuren starke Kostüme und Bilder gefunden, die in die Handlung hineinziehen.

Diese „Jedermann“ ist weder dunkel noch getragen. Er ist lebendig, flott und emotional. Das gilt für den ersten Teil, in dem man der Hauptfigur zusehen kann, wie sie selbstsüchtig durchs Leben geht und alle Chancen ausschlägt, ein besserer Mensch zu werden. Und das gilt auch für die Szenen nach dem Ultimatum des Todes, wenn Jedermann seine Fehler begreift und erleben muss, wie sich alle vermeintlichen Freunde von ihm abwenden. Langweilig wird es auf der Bühne nie!

Das macht das Stück trotz des ernsten Themas überraschend unterhaltsam. Wenn Jedermann mit seiner Buhlschaft flirtet, knistert es förmlich. Wenn die eher einfach gestrickten Vettern versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen, ist das nicht nur tragisch, sondern auch sehr komisch. Wenn der Mammon mit goldenem Thron und Gefolge auf die Bühne donnert, hat das hohen Unterhaltungswert. Und wenn der Teufel im Finale seine Anklage herausschmettert, ist das Publikum auch räumlich mittendrin.

Wohl auch überraschend: Mit „Du schreibst Geschichte“ von Madsen gibt es einen live gesungenen echten Rocksong, der sich elegant in die Handlung fügt.

Aber wozu schreibe ich das alles auf? Lesen alleine genügt wahrscheinlich nicht.

„Ein Theaterklassiker, in dem es um Leben und Tod geht? Das ist nichts für mich.“

Wenn Du das sagst, ist das natürlich völlig in Ordnung. Aber wenn Du Dich doch darauf einlässt, siehst Du eine Produktion, die ganz anders sind als vieles, was man sonst im Open-Air-Theater zu sehen bekommt.

Und vielleicht sagst Du hinterher sogar: Wie gut, dass ich das erlebt habe.